Es sollte inzwischen niemanden mehr wundern, dass ich Hörer und Fan des Weinpodcasts „Blindflug“ bin. Zu Beginn meiner Weinreise habe ich häufiger Podcasts gehört, in denen die Gastgeber:innen sich Winzerinnen und Winzer eingeladen haben. Am Anfang findet man das noch spannend, aber nach ein paar Monaten hatte ich auf die meisten davon keine Lust mehr, weil, unabhängig von Produzent und Herkunft, immer die gleichen Stichwörter und Textbausteine fielen. Terroir hier, Boden da, Handarbeit, Biodynamie, Spontangärung, Salzigkeit, Mineralität, Balance, Vitalität, Authentizität, etc. Hat alles seine Berechtigung und ich unterstütze die Winzerinnen und Winzer gerne in dieser Message, aber ich muss mir das nicht dauernd geben. Denn zeitweise fühlt man sich beim Hören dieser Podcasts so, als säße man in einer Jury, die kontrolliert, ob die ganzen Winzer auch brav ihre Hausaufgaben gemacht und sich ihr Zertifikat in Medienkommunikation 101 auch verdient haben. Wie gesagt: Hat alles seine Berechtigung, ist aber auf Dauer langweilig.
Beim Blindflug ist das in den allermeisten Fällen ganz anders. Drei komplett jung gebliebene weiße Cis-Männer 😉 treffen sich, meist zu zweit und manchmal zu dritt, und schenken sich gegenseitig Wein in schwarze Gläser ein. Derjenige, der gerade nicht verkostet, erzählt dabei eine Geschichte, einen Schwank aus seinem Leben oder berichtet über aktuelle Themen aus der Weinwelt. Auf die Art bekommt man als Hörer alle zwei Wochen entweder spannende Insights aus der Branche, lustige Stories von Weinmessen inklusive zwei oder mehr interessante Weine. Und vor allem eins: Sachen zum drüber „abnerden“. Von Blindflieger Felix kenne ich den Satz: „Weinwissen ist ja so ein bisschen wie ein Hund … will unbedingt ab und zu Gassi geführt werden.“ Und recht hat er, denn aus dem Blindflug gibt’s immer wieder Themen mit denen man wunderbar andere Hundebesitzer nerven könnte ;).
In der letzten Folge haben die Jungs jetzt zu einer kleinen Challenge aufgerufen. Das Setting ist folgendes: Die Anti-Alkohol-Lobby hat gewonnen und wir Weinfans werden alle zum Tode verurteilt. Wie sähe unsere gediegene 3-Gang-Henkersmahlzeit mit Weinbegleitung aus? Alle Weinkeller wurden beschlagnahmt, wir können also aus dem Vollen schöpfen.
Ich bin jetzt 26 und denke mir erstmal: „Scheiße! Ich hab‘ so vieles nicht getrunken was noch so bei mir auf der Bucketlist steht“. Gleichzeitig ist es aber auch meine letzte Mahlzeit auf Erden und ich will lieber nochmal das Essen was ich ohnehin liebe und nicht das nominell teuerste und geilste Essen aus der Sternegastronomie. Also gibt’s von mir jetzt ein Henkersmenü mit Weinen, die ich kenne und liebe und mit Weinen, bei denen ich quasi den kleinen Bruder kenne und aber auch mal gerne den großen trinken würde. Trotzdem soll unterm Strich bitte stehen bleiben: Ich hätte gern noch ein bisschen Zeit, bis es so weit ist …
1. Hauptgang
Ich bin kein Fan von Vorspeisen, deswegen gibt’s zwei Hauptgänge und der erste davon wird definitiv Pulpo a la gallega mit Pimientos de Padrón und richtig guten Patatas Bravas mit Aioli. Dass der Knoblauch im Aioli so ziemlich alles an Geschmack abtötet, wird konsequent ignoriert, denn das muss einfach so. Dieses Essen verbinde ich mit einer der zahlreichen Spanienreisen mit meiner Mutter. Irgendwann wanderten wir mal planlos in Valencia umher und stolperten über eine absolut fantastische Pulpería. Da gab es dann genau diese Gerichte und wir hätten uns wirklich gern die nächsten Wochen nur noch davon ernährt.

Eigentlich muss man zu so einem urtypisch spanischen Essen so etwas wie Albariño von Rodrigo Mendez oder etwas kreidig-kargen Verdejo á la Ossian Quintaluna trinken, aber es ist meine Henkersmahlzeit und ich muss einen Wein nehmen, auf den ich mich so sehr freue, obwohl er wahrscheinlich kein perfektes Match zum Essen wäre: Alheit Vineyards Magnetic North 2020. Für mich unbestreitbar einer der größten Chenin Blancs auf der Welt und das braucht eigentlich kaum mehr Flaschenreife. Außerdem liegt der Wein in meinem Keller und irgendwas davon sollte schon dabei sein.
2. Hauptgang

Der zweite Gang ist Mamas Zitronenhähnchen mit Rosmarinkartoffeln. Ich führe zwar keine Liste über meine Lieblingsgerichte, aber dieses muss hier zwangsläufig rein. Als Pairing ist Hähnchen eigentlich ziemlich dankbar, weshalb man hier nahezu alles zu trinken könnte. Aber ich bin jung und darf mich auch im Angesicht der Situation ein bisschen träumerisch in luftige Höhen strecken – und irgendwo jenseits von Wolke 7 ziehe ich mir aus irgendeinem gepfändeten Millionärskeller Gaja Barbaresco Sorí Tildin 1999. Ich kenne nur den kleinen Dagromis, weil ich ihn mal in einer Weinbar in Florenz glasweise trinken konnte, aber selbst der war schon so unsäglich gut, dass ich dann auch gerne mal das Flaggschiff des Hauses trinken möchte. Das ist zwar absolut nicht das krasse Pairing zum Zitronenhähnchen mit Rosmarinkartoffeln und ordentlich Knobi, aber das ist mir an dieser Stelle einfach mal Latte. Die selbsterklärten Übergourmets können ja für die erdigen Noten im Nebbiolo noch 30 Sekunden lang weißen Alba-Trüffel drüber reiben 🥴
3. Dessert
Captain Raymond Holt aus Brooklyn 99 würde sagen: „There are no good desserts. If you are hungry, you should have had more dinner!“, but I beg to differ. Geht man rein danach wie oft ich etwas gegessen habe, müsste meine Wahl auf Ehrmann Grand Dessert Double Choc fallen, denn ich liebe das Zeug, bin aber kein Fan, dass das die ganze Zeit immer teurer wird. Aber dann gibt’s halt als Henkersnachtisch doch lieber Torta di nocciole con Zabaione aus dem Piemont. Für all die armen Seelen, die noch nicht in den Genuss dieses übernatürlichen süßen Vergnügens gekommen sind: Das ist ein Nusskuchen aus den besten Haselnüssen, die auf diesem Planeten wachsen. Zabaione muss ich nicht erklären, oder? Ich habe das auf meiner Asti-Reise kennengelernt und war schockverliebt.

Die lokale Kombination dazu ist selbstverständlich Moscato d’Asti und unter jedem anderen Umstand würde ich auch das dazu trinken. Aber es kommt nun mal gleich der letzte Wein in meinem Leben und da muss ich ein bisschen mehr auftrumpfen. Ich könnte jetzt natürlich auch Egon Müller 2003 sagen, aber ich nehme lieber einen Wein, den ich tatsächlich schon mal probieren durfte und der mich komplett weggepustet hat. Also holt die Taschentücher raus und stimmt „Just a closer walk“ an, denn es gibt Winninger Röttgen Trockenbeerenauslese 2020 von Matthias Knebel. Ich glaube, der ein oder andere (oder die) kennt die Situation selbst: Man sitzt bei einem familiären Weingut an einem grauen Tag quasi im Wohnzimmer und probiert die Kollektion. Man hat Spaß und verquatscht sich irgendwie mit der netten Senior-Chefin und die holt am Ende noch die gestern privat geöffnete Probeflasche TBA raus und schenkt ein. So war es jedenfalls bei meinem ersten und bisher leider letzten Besuch bei Knebel Anfang 2023.
So, und dann war’s das auch. Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit und appelliere an dieser Stelle nochmal gern an alle Leser:innen sich den Leuten in den Weg zu stellen, die behaupten, dass Alkohol bereits ab dem ersten Tropfen lebensgefährlich ist. Denn diese Haltung führt dazu, dass Wein wirklich voll in der Krise steht und viele Winzer aufgeben müssen. Also tut mir den Gefallen und informiert euch ein bisschen darüber, dann muss ich mich nämlich nicht lediglich auf diese drei Weine festlegen und darf noch ein bisschen länger davon träumen mal DRC und Rousseau trinken zu dürfen.
Eine Antwort auf „Henkersmahlzeit“
Ach, das ist doch ein Menü, bei dem ich dann den Beichtvater geben (und mitbechern) würde. Danke für die netten Worte.