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€€ Weintagebuch

Moderne Klassiker

Jeder, der neu in das Thema Wein einsteigt, kann schon bevor er (oder sie) anfängt, Appellationen, Anbaugebiete und Rebsortentypizitäten auswendig zu lernen, mit so ein paar Namen und Begriffen um sich werfen, die man irgendwo beim Weihnachtsessen mit der Familie gehört oder vielleicht in der lokalen Weinhandlung mal gelesen hat. Ein guter Freund von mir muss immer mal wieder mit uns Wein trinken und obwohl er kein eigenes Interesse am Thema hat, kennt er inzwischen natürlich ein paar Begriffe. Während wir anderen beiden versuchen unsere Blindtasting-Fähigkeiten zu verbessern, ist das bei ihm gar kein Thema. Trotzdem, wenn wir ihn fragen, was das denn jetzt für ein Rotwein sein könnte, dann kommt eigentlich ausnahmslos immer: “Das ist bestimmt Bordeaux.” Es ist eigentlich nie Bordeaux, weil der dritte Freund im Bunde viel zu sehr auf Pinot abfährt, aber irgendwann war es dann tatsächlich mal Bordeaux und das war dann wieder ziemlich lustig.

Worauf ich hinaus möchte ist, dass es einfach Namen gibt, die man einfach so kennt, ohne groß interessiert zu sein. Beispiele dafür sind zum Beispiel: Bordeaux (Boadoh), Pinot Grigio (Gridscho), Chardonnay (Schaddonäh), Chianti (Tschanti), usw,. Bitte entschuldigt den flapsigen Witz über die Aussprache, aber man hört es leider doch zu häufig. Solche Weine kann man eigentlich guten Gewissens zu den sogenannten “Klassikern” zählen, wobei mir das bei Pinot Grigio ein bisschen schwerfällt, aber die Beliebtheit gibt ihm einfach recht.

“Hast du denn überhaupt schon X getrunken?”

Ich glaube, mal ganz objektiv betrachtet, ist mein Interesse am Thema schon eher groß. Trotzdem habe ich in fast drei Jahren Weinbegeisterung manche “Klassiker” noch nie getrunken. Teilweise aus finanziellen Gründen, aber teilweise auch einfach aus Desinteresse. Ein gutes Beispiel dafür ist Brunello. Da ich einfach schon mit Barolo und anderen großen Nebbiolos einen großen (und teuren) italienischen Rotwein habe, den ich näher kennenlernen möchte, fällt Brunello einfach komplett hinten rüber. Wahrscheinlich entgeht mir da schon etwas, aber ich kann eben nicht alles auf einmal machen. Andere Beispiele für verpasste Klassiker wären Sauternes oder Sherry und die zwei bis drei Basis-Grüner Veltliner zählen eigentlich auch nicht wirklich. Na ja, alles zu seiner Zeit bzw. step-by-step.

“Modern also …”

Über das Thema “Gehypte Weine” hab ich ja schon häufiger mal was geschrieben. Manche davon werden ein paar Jahre lang hochgehalten und bald wieder vergessen. Aber manche können die Aufmerksamkeit nutzen, um sich richtig in der Branche zu etablieren und können so quasi selbst zu Klassikern werden. Vielleicht nicht auf der gleichen übergreifenden Ebene wie Anbaugebiete wie Bordeaux oder Appellationen wie Brunello di Montalcino, aber sie können neue Stile prägen.

Eins der wahrscheinlich bekanntesten Beispiele für eine solche Form der Begründung eines modernen Klassikers in Deutschland ist sicher die Idee des großen trockenen Rieslings an Rhein und Main. Vorangetrieben von den drei Zugpferden Bernhard Breuer (Georg Breuer), Gunter Künstler (Künstler) und Bernd Phillipi (Koehler-Ruprecht) hat sich der Stil inzwischen über ganz Deutschland ausgebreitet und hat sich voll und ganz international etabliert. Daher rede ich in diesem Fall lieber vom “modernen Klassiker” als nur vom Klassiker, weil Riesling einfach eine viel größere Tradition und Reputation als restsüßer Wein hat, als als trockener.

Der Wein

Ob dieser Wein ein moderner Klassiker ist, würde ich hier gerne mal zur Diskussion in den Raum stellen. Meiner Meinung nach ist er auf dem besten Weg, denn seitdem Oliver Zeter vor über zehn Jahren anfing Sauvignon Blanc in der Pfalz zu pflanzen und diesen dann sogar noch in neue Barriques legte, gibt es zahllose Nachahmer. Wer mit grün-grasigem Marlborough Sauvignon Blanc oder dem einfachen Sancerre nicht warm wird, der könnte vielleicht in dieser Stilistik mit der Rebsorte versöhnt werden. In der Breite hat mich bisher die Steiermark mehr zu Sauvignon Blanc gebracht als Deutschland, aber ich freue mich immer sehr, wenn ich in Deutschland etwas finde, das die häufig belanglose, langweilige, frisch-fruchtige Stilistik ein bisschen hinter sich lässt und andere Wege geht. Ob das zur Herkunftstradition oder zum “Terroir” hier passt, ist für mich dann erstmal zweitrangig.

Also: Heute gibt es, wenig überraschend, Oliver Zeter Sauvignon Blanc Fumé 2019. Für mich ein Kandidat, der jetzt schon viel zu lange auf meiner “muss-ich-probieren”-Liste stand. Die Weinberge für diesen Wein liegen zwischen Kallstadt und Siebeldingen, also quasi einmal komplett durch die Mittelhaardt durch, bis runter in die Südpfalz. Was in der VDP-Klassifikation nur noch zum Gutswein taugen würde, sieht Oliver Zeter als große Stärke des Weins, der somit dank seiner großen Breite an unterschiedlichen Terroirs, an Vielschichtigkeit gewinnen soll. Ausgebaut wird der Wein zum größten Teil in neuen und gebrauchten 300 und 500 Liter Fässern, die dann vor der Füllung mit den kleineren Partien aus Stahl und Beton-Ei verschnitten werden.

Im Glas

Heute habe ich eine besondere Herausforderung: Wein verkosten aus Römern. “Richtige” Weingläser habe ich leider nicht dabei, denn ich bin im kleinen Kurzurlaub am Meer und trotz maschinengeblaserner Variante möchte ich nicht meine guten Gabriel-Gläser auf der Fahrt zerdeppern. Und trotz des wirklich suboptimalen Glases merkt man schnell, dass das ein absolut hervorragender Wein ist. Er bemüht sich schon ein bisschen darum, etwas leise zu sein und einen nicht sofort anzufallen, aber es ist Sauvignon Blanc und er hat neues Holz. Bei dieser Kombination sollte man lieber keine Gutedel-Intensität erwarten.
In der Nase startet er mit nicht zu reifer Stachelbeere, Feuerstein und sehr, sehr feinem Holz. Sauvignon wird für mich immer beeindruckend, wenn er beide typischen Fallen der Rebsorte vermeidet, also weder ins “grüne” noch in die Multivitaminfrucht und tropische Exotik zu gehen. Dieser 19er schafft das sehr gut, obwohl er eher mit der Überreife als mit der grünen Paprika flirtet. Am Gaumen ist das sehr fein strukturiert, mit einem leichten animierenden Gerbstoff und einer sehr gut integrierten, aber trotzdem sehr präsenten Säure. Erstaunlich ist, dass er zwar dank seines warmen Jahrgangs schon ein paar Reifenoten zeigt, da aber trotzdem noch Luft für ein paar weitere Jahre Flaschenreife drin ist. Für mich ist das sehr, sehr guter Sauvignon. Vielleicht noch nicht ganz auf dem Level der Tements, aber sehr viel besser als das meiste, was ich aus dieser Rebsorte bisher im Glas hatte. (€€)

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