Kategorien
Meinung Weintagebuch

Phoenix/Pinot aus der Asche

Ich muss heute mal eine größere Lücke schließen. Denn entgegen meines eigenen Weingeschmacks hat es bisher noch kein einziger Spätburgunder bzw. Pinot Noir in diesen Blog geschafft. Ich nenne hier bewusst den deutschen und den französischen Namen der Rebsorte, da für viele Weinfans der Name auch einen unterschiedlichen Stil mit sich bringt.

Spätburgunder vs. Pinot Noir

Alle, die den “Blindflug” Podcast kennen und die heutige Folge über das Thema Spätburgunder gehört haben, können diesen Teil quasi als Fortsetzung bzw. als Kommentar darauf lesen. Es ist aber zum Verständnis des Inhalts nicht notwendig.

Ich bin seit etwas mehr als zwei Jahren nun in der Weinwelt unterwegs und sehe mich immer noch als ziemlichen Anfänger. Allerdings würde ich schon bestätigen, dass heutzutage ein Wein definitiv eher als besonders gut angesehen wird, wenn jemand ihn für “burgundisch” hält. Damit ist eigentlich meist eine Stilistik gemeint, die sich aromatisch in der erdig, pilzigen als in der Erdbeer- oder Himbeerecke bewegt. Generell wird “Primärfrucht” häufig eher als kitschig beschrieben und von “erfahreneren” Weintrinkern mit Abstand oder teilweise sogar auch mit Abneigung begegnet.

Insbesondere auch beim Spätburgunder hat Deutschland, im Vergleich zu vor einigen Jahrzehnten, scheinbar massiv zum burgundischen Vorbild aufgeschlossen. Protagonisten wie Friedrich Becker, Werner Näkel, Bernhard Huber, Werner Knipser u.a. waren Ende 90er bis Anfang der 00er Jahre Pioniere, was den Ausbau von trockenen und Terroir-typischen Pinots angeht. Allerdings scheint es mir aber so, als hätten viele Menschen bis heute noch das Bild von lieblich ausgebauten leichten Rotweinen im Kopf, wenn es um das Thema deutscher Spätburgunder (von mir ab sofort abgekürzt als “DS”) geht. Dabei teilt sich dann die Fraktion der DS-Gegner in einerseits die Gruppe von Leuten, die mit der leichteren Art des Pinot Noirs nichts anfangen können und das alles nur dünn und sauer finden, und in diejenigen, die nur die roten echten Burgunder für groß halten. In beiden Fällen ist der Begriff “Spätburgunder” negativ besetzt. Wenn ihnen allerdings deutsche Winzer_innen begegnen, die versuchen, stilistisch extrem nah an die erdigeren, aber auch, teils gerade so reif gewordenen, Burgunder heranzukommen, benutzen sie, um diese besonders herauszuheben, lieber den Begriff “Pinot Noir”. Auf diese Art werden sowohl die beiden Spielarten der Rebsorte durch eine Namensbezeichnung festgelegt, als auch die burgundische Interpretation als “die für Kenner” erklärt.

Parallelen zum “Pino Gritschio”

Man mag mir vorwerfen, dass ich hier Äpfel mit Birnen vergleiche, aber bei Grauburgunder handelt es sich eigentlich um das gleiche bzw. um ein ähnliches Problem. Auch wenn der Grauburgunder bei weitem noch nicht bei allen “Weinkennern” ernst genommen wird, gibt es gerade in Deutschland inzwischen viele Spitzenwinzer, die ganz hervorragende Grauburgunder produzieren (Becker, Salwey, Wörner etc., um mal ein paar genannt zu haben). Trotzdem assoziieren die meisten mit Grauburgunder eher leichte, säurearme, einfache und manchmal auch sehr belanglose Weine, die dann als italienische Pinot Grigio im Supermarktregal stehen. Über die belanglosen Vertreter der Rebsorte kann dann unter dem Deckmantel des italienischen Stils in aller Ruhe gelächelt werden, während man je nachdem wie man mit Wein sozialisiert wurde, entweder auch den deutschen Grauburgunder links liegen lässt, oder sich selbst davon überzeugt, dass der Grauburgunder von der Großkellerei mit Sitz in Deutschland den Pinot Grigio ja im Schlaf plattmacht. Hmmm … weiß ich nicht …

Der eigene Geschmack

Am Ende bleibt für mich eigentlich das stehen, was man fast immer als “Moral der Geschicht” benutzen kann. Trinkt das, was euch schmeckt. Auch wenn manch einer gerne ausgiebig darüber streiten will, welche Art von Wein denn nun die beste und tollste ist, bringen diese Debatten eigentlich nur selten einen wirklichen Erkenntnisgewinn. An dieser Stelle greife ich gerne auf den Vergleich mit der Musik zurück, den Felix Bodmann im aktuellen Blindflug verwendet. Für ihn ist Pinot wie Jazz. Es gibt die primäfruchtige, saftige Art, die man mit “simpleren” Liedern, die auch noch etwas Restmelodie enthalten können, vergleichen kann und es gibt die burgundische, leicht grüne, erdige, pilzige Art, die eher an rhythmisch und harmonisch extrem anspruchsvolle Musik, wie z.B. die von John Coltrane erinnert.
Eigentlich bin ich hierbei ein schlechtes Beispiel, da ich sechs Jahre lang Trompete in einer Big Band gespielt habe, aber generell gibt es meiner Meinung nach auch noch die Parallele, dass man burgundischen Pinot eigentlich lange reifen lassen muss, damit er etwas weniger harsch wird und den Zusammenhang mit der Reife der Trinker. Wenn es demografische Statistiken über den Altersdurchschnitt von Jazzhörern gäbe, käme man allerdings bestimmt auch zu der Erkenntnis, dass man als Mensch erstmal ein bisschen altern/reifen muss, um Jazz wirklich gut zu finden :).

Endlich hab ich den Blog auch mal als Plattform für meine Meinung genutzt und nicht nur als öffentliches Weintagebuch. Damit ist jetzt aber auch mal Schluss, denn ich muss ja noch einen Wein vorstellen.

Der Wein

Obwohl dieser Input über den Podcast erst heute reinkam, hatte ich trotzdem eigentlich den idealen Wein als Begleitung. Es gibt Spätburgunder Phoenix 19 vom Weingut Sermann, also einen DS von der Ahr. Wenn ich auf dem Weingut richtig zugehört habe, dann ist das quasi ein Wein, in dem die unterschiedlichsten Fässer cuvettiert wurden. Das heißt von Gutswein bis Lagenwein ist alles möglich. Es ist quasi der Wein aus den Fässern, die vor der Flut gerettet werden konnten oder die Flut überlebt haben. Altenahr war einer der am härtesten getroffenen Orte im letzten Sommer und gerade die Bilder von der Zerstörung im Weingut Sermann gingen sehr schnell durch die sozialen Medien. Benannt ist der Wein logischerweise nach dem Phoenix, der aus der Asche wiedergeboren wird, was einerseits einfach ein schönes Symbol ist, andererseits von der Entschlossenheit der Familie zeugt, auch in Zukunft Wein aus ihrer Herkunft zu erzeugen. Ich finde das großartig.

Im Glas

Nachdem ich beim ersten Reinriechen erstmal ganz viel quietschige rote Erdbeerfrucht in der Nase hatte, wurde ein Teil der Flasche erstmal “sturzdekantiert” und für ein paar Stunden stehen gelassen (schön, wenn man den Blognamen auch mal richtig verwenden kann). Danach ist die Frucht erstmal weg und macht Platz für sehr feines, aber deutliches Holz. Dahinter kommen dann wieder rote Früchte, aber auch etwas tomatiges, was darauf hindeutet, dass hier wahrscheinlich penibelst am perfekten Lesepunkt getüftelt wurde. Für mich ist das aber noch absolut im Rahmen. Am Gaumen zeigt die sehr straffe Säure auch, was wahrscheinlich der Stil ist, an dem man sich orientiert. Für den ein oder anderen könnte das vielleicht echt einen Tick sauer sein, da bin ich aber recht tolerant. Auch die Frucht schlägt am Gaumen eher in Richtung Sauerkirsche um, was aber in Kombination mit der straffen Säure und einem sehr feinen Gerbstoff sehr animierend wirkt und sich sehr leicht und schnell trinken lässt. Dass es sich hier nicht um die pure Konzentration bzw. penibelste Herausarbeitung von Lage und Terroir handelt, macht dann aber eigentlich erst der Abgang klar, der zwar schön ist, aber gerne etwas länger sein könnte. (€)

Ob man den Wein jetzt für einen Spätburgunder oder einen Pinot Noir hält, ist mir eigentlich ziemlich egal. Für mich bleibt unterm Strich stehen, dass, gerade wegen des sehr guten Holzeinsatzes und der straffen Art, dieser Wein zu diesem Preis echt eine Ansage ist.

Zum Ende hin muss ich, gerade im Hinblick auf den Vergleich von Pinot zu Jazz, heute mal kurz Toni Askitis’ Idee klauen und dem Wein einen Song zuteilen, der mich an ihn erinnert. Also muss es etwas jazziges, mit etwas wilden Soli und Rhythmen sein, dass sich trotzdem seiner eingängigen Melodie nicht schämt. Quasi irgendwo in der Mitte der Jazzyness-Skala. Für mich ist da “Corinne, Corinna” von Wynton Marsalis und Eric Clapton herausgekommen. Wer Lust hat, kann sich den Song gerne hier anhören, den Wein probieren und in die Kommentaren schreiben, ob ich denn musikalisch vielleicht komplett auf den Kopf gefallen bin.

Anmeldung zum Newsletter

Trag dich ein, um freitags jede Woche benachrichtigt zu werden, wenn ein neuer Beitrag gepostet wurde.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert