Kategorien
Allgemein

Grenzgänger Friedrich Becker

Ein kleiner Nachruf für Friedrich Becker – eine prägende und doch umstrittene Figur für großen Spätburgunder aus Deutschland.

Es ist eigentlich Quatsch etwas über einen Menschen zu schreiben, den man quasi gar nicht kennt. Trotzdem möchte ich gern an den kürzlich verstorbenen Pinot-Pionier der Pfalz erinnern. Er hat sich jahrzehntelang die Anerkennung erstritten, welche der jungen Burgunderwinzer-Generation in Deutschland jetzt entgegengebracht wird.

Als ich im Sommer 2021 gerade mein Praktikum bei Rebholz angefangen hatte, nahm ich mir vor, meine freien Wochenenden dazu zu nutzen, ganz viele Orte und Weingüter anzusehen. Ich hatte mir für die zwei Monate einen alten Ford Fiesta ausgeliehen. Die Kupplung hätte kaum stärker ausgeleiert sein können, die Lautsprecher waren bestenfalls mittelmäßig und bei Tempo 130 verstand man im Gespräch mit seinem Beifahrer etwa so viel wie beim Flüstern auf dem Rollfeld. Aber ich liebte das kleine silberne Ding, denn es brachte mich jeden morgen mehr oder weniger pünktlich von Landau nach Siebeldingen und am Wochenende durch die Pfalz und Rheinhessen bis hoch nach Bonn.

Das Weintor in Schweigen: Beginn der Deutschen Weinstraße.

Ich hatte gerade die erste Woche überstanden und der permanente Muskelkater ließ gerade so langsam nach. An den Händen hatte sich noch nicht viel Hornhaut gebildet, weshalb sie mir tendenziell dauernd schmerzten – an der Uni Stifte halten und Laptoptastaturen bedienen zählt eben nicht als kräftigendes Workout. Trotzdem war ich völlig begeistert von meiner Arbeit im Freien. Lang genug hatte ich mich durch Remote-Seminare gequält. Endlich konnte ich mal wieder was „in echt“ tun. Auch wenn alles weh tat, fühlte ich mich unglaublich energiegeladen. Wohin damit? An meinem ersten freien Samstag im April war für mich klar: Es geht an die Grenze nach Schweigen-Rechtenbach zu Friedrich Becker.

St. Paul: Einige der größten Spätburgunder in Deutschland entstehen hier.

Ich hatte viel über den Mann gehört, der seit Jahrzehnten der Bürokratie auf die Nerven ging. 1. trockener Spätburgunder nach burgundischem Vorbild. 2. ohne Filtration. 3. Ausbau im Barrique. 4. Weinberge die sowohl in Deutschland als auch in Frankreich liegen. Und 5. wollte er dann auch noch die alten Lagennamen verwenden. Für die Weinbürokratie eine absolute Vollkatastrophe. So wie das was Friedrich Becker auf die Flasche brachte, hatte Spätburgunder nicht zu schmecken. Ergebnis: Setzen! Sechs … bzw. Tafelwein. Du möchtest, dass auf deinem Kammerberg GG auch Kammerberg draufsteht? Am Arsch! Darfst du nicht. Becker ließ sich trotzdem nicht entmutigen weiter Spitzenpinots zu produzieren. Ich trank zu dieser Zeit regelmäßig Gutswein und hatte wenig Erfahrung mit den höher klassifizierten Weinen. Umso gespannter war ich darauf ein bisschen was an tollem Pinot zu probieren.

Einer von zahlreichen Grenzsteinen in den Weinbergen.

Vorher wollte ich aber unbedingt selber mal am Grenzstein vorbei und in die französischen Weinberge. Wie der leicht nervig-nerdige Weinneuling der ich damals war, lief ich also mit der geöffneten VDP-Weinbergsseite durch den Schweigener Sonnenberg und versuchte die abgegrenzten Parzellen zu finden und zu untersuchen. Was war jetzt im Steinwingert anders als im Sankt Paul? Was machte das Heydenreich so besonders? Ich muss bestimmt wie ein Irrer ausgesehen haben, aber ich wollte eben so viel wie möglich lernen.

Dann kam eine kleine aber feine Verkostung bei den Beckers. An einem Samstag ist dort üblicherweise nicht offen, aber als Praktikant beim befreundeten Weingut durfte ich trotzdem ein bisschen probieren. Wo für Becker das Vorbild liegt, wird schnell klar, wenn man die leeren abgezeichneten Romanee-Contis auf den Regalen oder in den Vitrinen sieht. Ob Becker jetzt stilistische Gemeinsamkeiten mit diesen Weinen hat, kann vielleicht einer meiner Leser beantworten – ich leider nicht. Trotzdem war ich beeindruckt davon wie unglaublich erdig, kraftvoll und trotzdem dezent diese Spätburgunder waren. In der Qualitätspyramide habe ich es sogar nur bis zur ersten Lage geschafft, aber auch da konnte man eindeutig den Stil und die Vision erkennen. Die eine Flasche 2015er Steinwingert, die ich damals gekauft habe, hat mir im letzten Jahr viel Freude bereitet.

Die sehr nette Mitarbeiterin des Weinguts fand es äußerst spannend, dass ich als Lehramtsstudent einfach so ein Praktikum bei Rebholz machte – damit war sie in der Zeit bei weitem nicht allein. Als ich gehen wollte, saß „der alte Fritz“ gerade auf einer Bank im Innenhof, rauchte Zigarre und genoss die Sonne. Die nette Mitarbeiterin stellte mich ihm mit den Worten vor: „Fritz, schau mal. Der junge Mann macht gerade Praktikum bei Rebholz. Eigentlich will er Lehrer werden, aber jetzt macht er Wein“. Darauf meinte Becker kurz, aber liebevoll: „Ui, das würde ich mir vielleicht nochmal überlegen“.

Keine Sorge Herr Becker. Ich überlege immer noch. Danke, dass Sie ihr Leben dem Wein gewidmet haben und uns allen schöne Momente und tollen Wein gebracht haben.

Friedrich Becker Grauburgunder „Grenzgänger“ 2023

Eigentlich müsste man den Mann mit einer Flasche Hommage oder Heydenreich feiern, aber für mich war eben dieser einfache Grauburgunder der erste Berührungspunkt mit dem Weingut. Kein GG, kein Spätburgunder und ziemlich sicher auch noch Zukauf dabei. Trotzdem strahlte der Wein damals unglaublich viel Trinkfreude aus. Farblich durch den Maischekontakt eigentlich eher ein Rosé, aber auch das darf man ja laut deutscher Weingesetzgebung leider nicht ;). Die Aussage „Ich mag keinen Grauburgunder“ stimmt bei mir eigentlich nicht mehr, da mir immer wieder tolle Grauburgunder begegnen. Man müsste es wahrscheinlich umändern in „Ich mag Grauburgunder nur, wenn er untypisch ist“ oder ist das nicht fast das Gleiche? Vier Jahrgänge später habe ich mir jedenfalls endlich wieder einen Grenzgänger besorgt und hoffe, dass er mir immer noch ein bisschen von der Freude gibt, die er dem 22-jährigen Gero vor einigen Jahren bereitet hat.

Obwohl der Wein farblich in diesem Jahr nicht ganz so lachsig ist wie der 19er, so riecht er umso „bekannter“. Die Frucht ist bunt, sehr bunt. Orange, Aprikose, etwas Pfirsich, ein klein wenig Rosine. Meiner Meinung nach trifft der Wein sehr gut den Punkt, an dem die klassischen Grauburgunderfans das sehr gern trinken würden und ich vor lauter Gummibärchen- und Stinkesockenaromen nicht spontan flüchte wie Pokemontrainer im hohen Gras. Die Säure wirkt zwar eher mild, wird aber durch ein wenig Gerbstoff aus der Maischestandzeit unterstützt. Dadurch wird der Wein nicht lätschert. Nicht fett, aber etwas speckig kommt er daher. Die opulente Frucht unterstützt das und bei 12% Alkohol in einem heißen Jahr wie 23 lässt vermuten, dass zur süßen Frucht auch mindestens etwas süßer Restzucker gehört. Für manchen mag das vielleicht abstoßend klingen, aber man gebe mir einen warmen Frühlingsabend, eine Terrasse, gute Gesellschaft und diese Flasche würde etwa so lange überleben wie ich bei Squid Game.

Der Wein gehört sicherlich zur Kategorie „zahlt die Miete“ und nicht zu „Strukturmonster für Freaks“, aber auch das will gekonnt sein. (€)

Anmeldung zum Newsletter

Trag dich ein, um freitags jede Woche benachrichtigt zu werden, wenn ein neuer Beitrag gepostet wurde.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Eine Antwort auf „Grenzgänger Friedrich Becker“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert