In meinem Wein-Umfeld sind wirkliche Themenproben eher selten geworden. Meistens trifft man sich doch und bringt entweder „best bottles“ oder das mit, was einem gerade mit dem Prädikat „besonders spannend“ über den Weg gelaufen ist. Dann weiß man am Ende des Abends zwar im besten Fall, dass einem z.B. Pibarnon rot besser schmeckt als Pibarnon rosé oder, dass auch Clemens Busch nicht immun gegen Bittertöne im Drecksjahrgang 2018 ist. Das ist schön und macht Spaß, aber so richtig viel lernen tut man oft dabei nicht. Dafür braucht es eine Runde, die sich ein kleiner oder größer gefasstes Thema aussucht und dazu passende Weine probiert, die einem möglichst viel Aha-Erlebnis bieten. Eine solche Probe durfte ich letzten Monat zusammenstellen und durchführen. Thema: Rotwein aus Spanien.
Als mir die Idee zum ersten Mal präsentiert wurde, war ich erstmal noch sehr skeptisch, hauptsächlich, weil ich die Leute nur teilweise kannte und mit niemandem vorher mal Wein getrunken hatte. Ich hatte also keine Ahnung, ob ich bei Adam und Eva anfangen musste, was die Leute gerne mochten, wie viel sie denn gerne über das Thema erfahren wollten und was sie sich vor allem für einen Preisrahmen für die Weine vorgestellt hatten. Als mir dann gesagt wurde, dass die Erfahrung bei den meisten noch nicht so enorm war, aber sich jeder mit 50€ beteiligen wollte, war ich dann doch überrascht. Denn bei zehn Leuten kriegt man dann wirklich echt eine solide Auswahl an Weinen zusammen, die entweder eine tolle Geschichte erzählen, besonders repräsentativ für eine Gattung, oder besonders gut sind – oder alles drei. Ich hatte also viel Zeit im Voraus mich nochmal tiefer ins Thema einzulesen und zehn Weine zu finden, die möglichst interessant für die Leute sein sollten. Hier im Blog stelle ich das jetzt mal vor was ich warum ausgesucht habe.

Masterclass ohne Master
Ich bin so weit davon entfernt ein „Master“ zu sein, aber wenn diese Art von Proben nunmal so heißen, dann sei es so 😉
Einstieg: Gramona Imperial brut 2018

Auch wenn man eigentlich spanischen Rotwein trinken will, muss man mit einem Glas Schaumwein reinstarten und was gäbe es da besseres als richtig guten Cava. Meine Erfahrungen mit Cava sind ziemlich begrenzt, aber diesen Klassiker hatte ich Anfang des Jahres auf der Vinaturel-Roadshow probiert und fand ihn, besonders zu diesem Preis, einfach wirklich richtig gut. Diese Art des reifen Schaumweins hatten die meisten noch nie getrunken. Deutlich reifer und gelbfruchtiger als Champagner, aber dafür mit der typischen Brioche-Art, fand nicht nur ich das richtig schön. Aber um ehrlich zu sein: Crowdpleaser ist das auch nicht. Eher aus der Kategorie „hmm, ja … interessant“.
1. Flight: Bierzo/Mencía
1. Descendientes de J. Palacios „Petalos“ 2021

Wenn man die Geschichte des Bierzo erzählen will, dann kommt man an dem Wein gar nicht vorbei. Obwohl das natürlich Zukauf ist, wird hier nur gute Trauben aus manuell bearbeiteten Weinbergen genommen und mit großer Sorgfalt ein sehr schöner Wein gemacht, der eigentlich wirklich ganz gut den Spagat zwischen Eleganz und bunter Frucht schafft. Anfangs noch sehr in dieser ziemlich parfümierten Weihnachtswürze gefangen, wird die Nase mit Luft etwas gemäßigter. Ich hätte persönlich erwartet, dass das fast von allen gemocht werden würde. Tatsächlich gab es eigentlich nur einen einzigen Wein in der Probe bei dem sich alle einig waren, dass sie das toll fanden. Sonst gab es eigentlich immer mal einzelne Fans oder kleinere Lager. Aber ich war schon froh, dass schon echt viel diskutiert wurde – es gibt nichts schlimmeres als dauerhafte Einigkeit über alle Weine hinweg. (€)
2. Raúl Pérez „Ultreia“ Rapolao 2020
Petalos erklärt das Gebiet und Raúl Pérez zeigt wie groß und grandios man die Rebsorte Mencía machen kann. Die Einzellage el Rapolao hat einen legendären Status im Gebiet und ich finde, dass sollte man unbedingt mal nebeneinander probieren. Während der Petalos in der Frucht und Würzigkeit auch den Leuten gefällt, die sonst lieber Primitivo trinken (aber hier natürlich trocken), ist Pérez‘ burgundische Art in dieser Runde tatsächlich gar nicht so besonders beliebt. Neben ein bis zwei anderen denen diese kühle, fast stahlige, etwas gerbstoffbetontere Art auch gefällt, bin ich eigentlich relativ allein in meiner Auffassung, dass das total genialer Stoff ist – eine Erkenntnis, die noch ein zwei mal später kommen wird. (€€€€)
2. Flight: Tempranillo – Rioja vs. Ribera del Duero – Crianza & Reserva
Hier muss echt viel in zwei Weinen erklärt werden. Diese müssen also ultra-repräsentativ sein. Ich war sehr zufrieden mit meiner Auswahl, aber schreibt mir gerne, wenn ihr das anders seht.
3. Bodegas Pascual „Heredad de Peñalosa“ Crianza 2019

Im Millionärsclub Ribera del Duero ist Enrique Pascual der bodenständige Winzer, der von allen gemocht wird, weil er einerseits als Präsident des Consejo das Gebiet repräsentiert und andererseits, weil er schon in der Crianza eine Qualität liefert, die wirklich unfassbar stark ist – und das für 15€. Viele Teilnehmer, die anfangs noch etwas skeptisch waren, entspannen sich langsam und freuen sich über diese warme, volle und doch fokussierte Art mit sehr elegantem Holz. (€)
4. R. López de Heredia „Viña Tondonia“ Reserva 2012
Wie könnte es anders sein? Meiner Meinung nach steht kein Wein so sehr für die Rioja, wenn nicht sogar für ganz Spanien. Vor der Probe war für mich vollkommen klar: der Wein muss da rein! Ich finde, jeder muss in seinem Leben mal Tondonia Reserva tinto getrunken haben. An dem Wein kann man perfekt die Historie des Gebiets, die Charakteristik der Weine, die verwendeten Rebsorten und den Reifungsprozess erklären. Nicht jeder am Tisch mag das, aber insgesamt kommt der Wein ziemlich gut an. (€€€)
3. Flight: Tempranillo – Rioja vs. Ribera del Duero – out of the box
Der 2. Flight führt ins Thema ein und bringt klassische repräsentative Weine der Anbaugebiete und der 3. Flight zeigt, wie man Rioja bzw. Ribera auch anders interpretieren kann.
5. Álvaro Loza „Haro Labastida“ 2021

Der zweite Wein den ich unbedingt in der Probe haben wollte. Viele besonders typische Weine kommen von großen etablierten Namen. Das muss auch so sein, denn wenn man die Vielfalt spanischer Rotweine kennenlernen will, sollte man nicht nur die untypischen Weine trinken – beides kann total spannend sein. Am tollsten, aber auch am überraschendsten war, dass dieser Wein tatsächlich quasi der Sieger der ganzen Probe war. Dass so viele ihn auf ihrem ersten Platz hatten, lag sicherlich auch davon, dass ich mit Abstand am persönlichsten davon reden konnte, da ich ja im letzten Jahr erst bei Álvaro in Briñas gewesen war. Der Wein ist eigentlich gar nicht untypisch für die Rioja, aber Álvaro hat es einfach geschafft, eine unglaubliche „lebendige Energie“ (klingt esoterisch, ist aber so) in dem Wein zu bewahren. Der Wein ist extrem gekonnt so gelassen worden, dass er zwar ziemlich sauber, aber eben unglaublich lebendig wirkt. Großes Kino! (€€€)
6. Dominio de ES „Viñas Viejas de Soria“ 2021
Bertrand Sourdais ist eigentlich Winzer an der Loire, zog aber Ende der 90er in die Region Soria im Ribera del Duero und gründete dort die Dominio de Atauta. Als man es dort seiner Meinung nach mit der Biodynamie nicht mehr ernst genug meinte, fing er an mit seiner Frau zusammen sein eigenes Projekt hochzuziehen: die Domino de ES. Hier macht er in abgelegenen Höhenlagen Tempranillo wie Pinot Noir. Mit Álvaro Loza hat er tatsächlich gemein, dass beide einen kleinen Anteil weißer Trauben (Viura bzw. Albillo Mayor) mit vergären. Das Endresultat ist ein gleichzeitig kraftvoller und doch leichter sehr hellrotfruchtiger Wein mit einer guten Portion Gerbstoff über die Rappen. Ich finde das unglaublich spannend und besonders, bin aber damit ziemlich allein auf weiter Flur. Wieder mal ein Beispiel für die ungefähre These: Eigentlich mag kein „normaler“ Weintrinker Pinot. Schade auch. (€€€€)
4. Flight: Tempranillo – Rioja vs. Ribera del Duero – Vinos de Autor
Ich musste für die letzte Kategorie Tempranillo überlegen, ob ich die opulenten Gran Reservas oder Vinos de Autor bringe. Ich habe mich nach einer Empfehlung von Felix Bodmann für letzteres entschieden, da das in gewisser Weise die wahrscheinlich spannendere und individuellere Variante ist. Also noch ein mal Rioja gegen Ribera del Duero.
7. Sierra Cantabria „Finca el Bosque“ 2019

Vor einigen Jahren hat die Rioja endlich Einzellagenweine eingeführt und obwohl die Klassifikation noch nicht wirklich eingeschlagen ist, gibt es bereits ganz tolle Weine aus klassifizierten einzelnen Parzellen. Finca el Bosque bietet sich hier sehr an, weil der Wein einerseits für die Kategorie relativ bezahlbar ist, obwohl das auch schon sehr viel Geld ist, und weil man so gut Geschichten über die Familie Eguren und ihren Expansionswahn erzählen kann. In seiner Stilistik definitiv näher an extrem gutem und fokussiertem Bordeaux als am lange ausgebauten „oldschool Rioja“. Trotzdem erkennt man das klar als großen Rioja. Wahnsinniger Druck, volle dunkle Kirsch- Brombeerfrucht und doch sehr schlank für 14.5%. Hammer! (€€€€)
8. Finca Rodma „Avizor“ 2019
Ich bin kein großer Ribera-Kenner und musste mir für diese Weine eigentlich allesamt Hilfe suchen. Bekommen habe ich die von Felix Bodmann, der selbst in den letzten Jahren dort unterwegs war um neue spannende Weingüter zu entdecken. Finca Rodma ist in gewisser Weise zwar auch ein neu hochgezogenes Projekt mit viel Geld im Hintergrund, aber es stecken die richtigen Leute dahinter, die nicht nur Kohle sondern auch Know-how mitgebracht haben. Als Nachbar von Vega Sicilia muss man dann aber auch liefern. Das tut dieser Avizor auch, aber er hat mit dem Finca el Bosque einen fiesen Gegner. Der Finca Rodma ist weniger schlank und präzise in seiner Art und kommt mehr über eine wohlig warme dunkle Frucht und Aromen von gegrilltem Fleisch. Das finden viele (mich eingeschlossen) auch super lecker, aber wirkt im Vergleich doch ein wenig plump. Nichtsdestotrotz ist das sehr stark. (€€€)
5. Flight: Garnacha – Sierra de Gredos vs. Priorat
Das wohl gegensätzlichste Paar des Abends. Eigentlich hätte man auch dafür argumentieren können Rioja Oriental gegen Priorat zu probieren, aber ich finde die meisten Gredos Weine viel spannender – aber auch natürlich viel wilder.
9. Comando G Rozas 1er Cru 2020

Der Wein schlägt am Tisch ein wie Jumbo Schreiner nach einem Sprung vom 10er – aber nur bei zwei Leuten positiv. Farblich mehr Rosé denn Rotwein und aromatisch spricht das eine komplett andere Sprache. Für eine Teilnehmerin ist das leicht und floral und für fast alle anderen ist das eigentlich nur unangenehm. Wenn ich ehrlich bin, dann kann ich sie auch verstehen und trotzdem störe ich mich nicht so sehr dran. Der Wein ist ein bisschen stallig, hat vielleicht einen kleinen reduktiven Stinker und definitiv etwas flüchtige Säure. Wenn es einem gelingt daran vorbei zu riechen, entdeckt man eine karge mineralische Finesse sondergleichen, denn der Wein ist absolut fein – und trotzdem hält er an dem Abend nicht mit den besten mit. (€€€)
10. Balaguer i Cabré „Cercol Daurat“ 2014
Ganz lieben Dank an Thorsten Hammer von dem ich diesen Wein bekommen konnte. Es gibt gar nicht so viele Rotweine aus dem Priorat, die zu 100% aus Garnacha gemacht werden. Jaume Balaguer hat sich dem aber quasi verschrieben und macht neben seinen kleineren Weinen diesen hier nur in besonders guten Jahren. Viel wärmer, voller und versöhnlicher in seiner Art als die minimalinterventionistische Burgunderart des Comando G. Der Cercol Daurat (katalonisch für goldener Kreis) schafft einen unglaublich interessanten Spagat aus einer schlanken und doch unglaublich heißen Anmutung. Man kann die ultra-kargen heißen Schieferböden fast schmecken auf denen die Reben stehen. Super spannend! (€€€)
Blindprobe: Teso la Monja „Almirez“ 2018

Zum Abschluss gab es noch einen Wein zum blind probieren – quasi als Abschlusstest 😉 Ich wollte gerne noch den Bogen zum Toro spannen, da die Region ja vorher nicht genannt wurde, obwohl sie inzwischen den teuersten Wein Spaniens hervorgebracht hat: den großen Bruder dieses Almirez. Ich hatte den Wein vor drei Jahren schonmal im Glas und mochte ihn damals sehr. Auch als Weinwert unter 20€ fand ich das damals richtig gut. Wie schade, dass ich das heute gar nicht mehr mag und die meisten am Tisch gleich mit. Es wird blind schnell als Tempranillo aus heißer Gegend identifiziert und als aufgedeckt wird kann ich die lustige Geschichte über den Verkaufsclou der Familie Eguren an LVMH erzählen. Aber der Wein ist irgendwie leider so gar nichts und hinterlässt mich ratlos. Das wirkt so schlecht aufgesäuert: ein Mops mit Zitronensäure übergossen. Eigentlich würde ich das dann im Normalfall auf Jahrgangsvarianz zurückführen, aber der 21er hatte eine Woche davor leider das gleiche Problem. Den komischen Geschmack bekommen wir im Anschluss mit den Überresten der anderen Weine wieder weg, aber für die Geschichte war er gut genug. (€€)
Fazit
Proben kuratieren und halten ist echt anstrengend, vor allem, wenn man nicht einfach nur ein Dutzend verschiedene Rieslinge trinkt, bei denen alle Weingüter und Regionen bekannt sind, sondern wo man teilweise nicht nur das Weingut, sondern auch Region, Rebsorte und Stilunterschiede erklären muss. Es hat aber trotzdem total Spaß gemacht und ich habe auch selbst wieder viel über meinen eigenen Geschmack und den von anderen gelernt. Wenn Rotwein versprochen wird, will irgendwie kein normaler Weintrinker Pinot oder Pinot-ähnliche Weine haben. Es muss zum Glück nicht fett und mit ordentlich Restzucker ins Glas kommen, aber eine kräftige Frucht darf es dann schon bitte sein. Die darf dann auch gerne eher schlank sein und muss nicht in Richtung Marmelade gehen und ein feiner Gerbstoff ist auch okay.
Für mich ist Spanien irgendwie fast immer schön und doch habe ich eigentlich sträflich wenig im Keller. Aber das lässt sich ja ändern – spätestens, wenn ich Lehrer bin 😀
Eine Antwort auf „Eine Rotweinreise durch Spanien“
Richtig gern gelesen! Ich liebe solche Proben, bei denen man die Vielfalt Spaniens im Glas hat – Rioja, Ribera, Bierzo, Priorat… und jeder Wein erzählt seine eigene Geschichte. Ich selbst genieße Wein meist auf Mallorca (Binissalem lässt grüßen), aber dieser Beitrag macht Lust auf eine kleine Spanien-Tour durchs Glas!